Artikelformat

„…und? sorgst du für deine private rente schon vor?“

es war eine kleine, popelige werbung, die mir beim scrollen durch die twitter-timeline in die augen fiel. etwas mit 100 jahre alt werden. rente. absicherung. zeugs halt. aber irgendwas biss sich fest, fühlte sich an, als würd ich fehlfarben sehen. als würde sich etwas grundlegendes falsch anfühlen. und dann spulte sich ein gefühlsfilm in zeitraffer vor meinem inneren auge ab.

rente, ein konstrukt der (selbst-)ausbeutung

zuerst schrieb ich nur folgendes:

das ist jetzt nicht so wahnsinnig selbsterklärend, sondern eher so eine geschichte mit einem pferd und zaumzeug und von hinten… also von vorn:

rente ist die kapitalbasierte altersvorsorge, die ein auskommen nach ende des aktiven berufslebens sichert. aber warum braucht es sie überhaupt? wie lief das eigentlich, als es noch keine rente gab?

damals und heute

in der mittelalterlichen hofgemeinschaft machte jede:r, wozu sie/er in der lage war. das alter war da relativ egal – alles ganz nach den möglichkeiten. wer nicht mehr auf’s feld konnte, half in der küche oder bei der kinderbetreuung, handwerkte.

heute gibt es generationsübergreifende gemeinschaften kaum noch – zwar gibt es sogar staatlich geförderte mehrgenerationenhäuser, aber der gesellschaftliche ’standard‘ ist das wohnen in eigenen wohnungen – jede familiengeneration für sich. wer nicht mehr eigenständig unterwegs sein kann, kommt ins altersheim.

rente als schlaraffenland?

was mich so störte war, warum die rente als „nicht mehr arbeiten müssen, aber versorgt sein wollen“ so gehypt wird. lass es dir gut gehen! genieße deinen lebensabend! erhol dich von deiner arbeitsphase! mach endlich, was du sonst nie konntest!

da drängt sich mir die frage auf: warum erst in der rente? was scheint da gesellschaftlich konsens zu sein? dass arbeit nicht dazu da ist, das leben genießen zu können? dass ich 45+ jahre fremdbestimmt dinge tun soll, die andere wollen, nur um danach ‚endlich in ruhe‘ gelassen zu werden? dass erwerbsarbeit mich auslaugt, anstatt mich leben zu lassen?

multiples versagen

wenn ich ein leben lang auf eine unbeschwerte rentenzeit hinarbeite, rücklagen bilde (so denn die möglichkeit dafür überhaupt besteht), privat vorsorge, mit maximal möglichem kapitalergebnis arbeiten gehe, statt mich aufmerksam bedürftigen menschen in meinem umfeld zuzuwenden – und mich dann darüber aufrege, wenn das eintrittsalter in die heißersehnte rente weiter nach hinten verschoben wird, um die umlagefinanzierung zu gewährleisten: dann läuft was verquer.

ich versage mir ein leben nach meinen vorstellungen, um das verfügbare gehalt zu maximieren und private vorsorge zu ermöglichen.

ich versage mir empathie und fürsorge – die bringen kein geld (und wenn sie es tun, muss fürsorge gewinnbringend wirtschaftlich funktionieren).

ich versage mir ein generationenübergreifendes miteinander: arbeiten wie der deibel, um die pflege angehöriger oder die fürsorge des nachwuchses (kita und co. lässt grüßen) finanziell zu ermöglichen, aber kaum noch zeit für die familie haben.

und – in meiner wahrnehmung am einschneidensten – ich unterdrücke die eigene motivation zugunsten der wirtschaftlichen integration in das system gewinnorientierter erwerbsarbeit, und verspreche mir davon, dafür in einem nebulösen ’später‘ entschädigt zu werden.

(und wie falsch muss dann erst ein wirtschaftssystem sein, dass unzählige menschen in vollzeiterwerbsarbeiten zwingt, die weder raum für soziales mit- und füreinander ermöglichen noch eine private vorsorge ermöglichen?)

selbstkasteiung

die annahme, zugunsten einer selbstbeschränkung persönlicher bedürfnisse im hier und jetzt einen ‚gewinn‘ aufzusparen und damit die eigene zukunft zu sichern – das ist nicht nur stupide und egoistisch, es ist schlicht eine selbstverarschung.

was jetzt an mehrleistung erbracht wird, steht jetzt zur verfügung. wenn nicht mir, dann offensichtlich anderen. ein stück papier mit einer zahl darauf, dass du zu einer versicherung trägst, wird dich in 30 jahren nicht auf die gleiche art versorgen wie heute. was in 30 jahren ist, weiß heute niemand.

auf dem rücken anderer

die versprechen der gewinnorientierten privatunternehmen, dass alles mehr werde, sind schlicht unhaltbar: ein begrenztes system wie dieser planet kann nicht ständig mehr von allem für alle werden.

entweder bekomme ich also später tatsächlich mehr, dann aber zu lasten anderer, die dafür weniger haben. oder ich hab dich selbst ausgebeutet, um am ende festzustellen, dass leider leider die rendite der privaten altersvorsorge nicht der ursprünglichen modellberechnung entspricht…

fürsorge ist vorsorge

klar, ich kann in die unverbrüchlichkeit der geldwertstabilität vertrauen und mich fremdbestimmten zielen unterwerfen, für geld arbeiten gehen und private zusatzrenten für die ‚versorgungslücke‘ sparen, wenn ich dazu in der lage bin. die garantie auf eine empathische pflegekraft mit zeit für die bedürfnisse im alter steht nicht auf dem geldschein, den ich in versicherungen stecke.

oder ich kann einfühlsam für die menschen meiner umgebung da sein. dem nachwuchs vorleben, wie gelebte empathie aussehen kann. weniger geld für die zusatzrente erarbeiten, dafür zeigen und leben, dass mit- und füreinander einen ganz eigenen wert hat.

die pflegekräfte meiner zukunft präge ich heute: entweder mit selbst gelebter, persönlicher gewinnmaximierung, die weniger zeit für menschlichkeit lässt. oder mit fürsorge und aufmerksamkeit für die nächsten.

und ganz vielleicht bleibt ja meine motivation, für andere im rahmen meiner möglichkeiten da zu sein, auch jenseits der willkürlichen grenze des renteneintrittsalters erhalten.

Autor: steffen

Lebt. Liebt. Streitet.

9 Kommentare

  1. Was mir dazu noch einfällt: wie absurd ich in diesem Zusammenhang den Begriff “Teilzeitfalle“ finde, der ja besonders von Frauenverbänden (und der SPD?) propagiert wird. Neuerdings sollen Frauen ha möglichst schnell wieder Vollzeit arbeiten, um später (!) weniger Einbußen bei der Rente zu haben. Hm, ist klar! Da triffst du wirklich gut den Punkt, dass das ja auf Kosten der Care-Arbeit geht, die anscheinend völlig vergessen wird oder komplett outgesourct werden soll.
    LG, Micha

    Antworten
    • Die SPD bzw. Manuela Schwesig propagiert diese „Teilzeitfalle“. Kann ich auch nur den Kopf drüber schütteln. Lieber ziehe ich mit wenig Rente in eine kleinere Wohnung (ohne Kind/er braucht man eh nicht mehr so viel Platz) und weiss aber, dass ich mein/e Kind/er gut begleiten konnte. Damit lege ich doch einen wesentlich besseren Grundstein für mein Alter, als die rein finanziell „absichernde“ Rente.

      Antworten
  2. Du erntest, was Du sähst.
    Und auch wenn immer dieses „die Renten sind sicher“ propagiert wird, so ist es doch so, daß die Politik sich immer nur um die aktuellen Rentner (=Wähler) kümmert und die Belange der zukünftigen Wähler außer Acht läßt.
    Wenn wir alle mehr Emphathie für den Nachbarn aufbringen und weniger Energie darauf verschwenden unser eigenes Hab und Gut zu vermehren, würde das schon ein wenig helfen.
    Ich sehe für mich wenig Sinn darin, noch mehr Energie in noch mehr Arbeit zu stecken, während um mich herum (u.a. Familie) alles zusammenbricht. Nur für eine fiktive Rente, die ich vielleicht weder erleb noch tatsächlich erhalte.
    Wahrscheinlich muß es den Menschen in unserem Land erst richtig schlecht gehen (ich meine allen, nicht nur einem Teil), damit man mehr zusammenrückt.

    Antworten
  3. Zumal Riestern & Co. nachgewiesener Maßen gar nicht die finanzielle Absicherung bringen, die man gerne hätte. Besonders bei der aktuellen Zinslage lohnt es sich überhaupt nicht irgendwelche Produkte zur Vorsorge, egal ob Lebensversicherung, Riester oder sonst was, abzuschliessen. Es würde nichts bei rum kommen. Dann doch lieber den Fokus auf die wichtigen Dinge legen: Kinder, Familie, soziales Leben im Umfeld. Der Mensch braucht ein Netz aus Kontakten, um zu leben.

    Antworten
  4. Lieber Steffen,
    Ich glaube ja auch das sich unsere Gesellschaft das Rentensystem so wie es aktuell ist, nicht mehr lange leisten kann. Es gibt einfach zu viele alte Menschen und zu viele junge Menschen welche gar nicht „genug“ ansparen/einzahlen können um im Alter auf Sozialleistungen zu verzichten. An Riester und Rührup verdient nur einer und derjenige der Einzahlt ist es nicht.
    Also werden wir entweder einen Staat haben, der sehr sehr viele Menschen unterstützen muss, oder das Systhem muss sich ändern. Wenn schon vielleicht kein bedingungsloses Grundeinkommen, dann vielleicht eher eine bedingungslose Rente von 3000€ monatlich für alle.

    (Ja mein Kommentar ist nicht 100% durchdacht, aber wenn ich DIE Lösung hätte wäre ich in der Politik)

    Liebe Grüße,
    Katarina

    Antworten

...und was meinst du dazu?

%d Bloggern gefällt das: