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Was’n der #EqualCareDay? Und was machst’n damit?

Alles Gute zum 8., lieber Jan!

Wär mein Cousin so langsam gealtert, wie er bisher Geburtstage hatte, wäre er jetzt nicht verheiratet und Spitzenkoch auf der Insel, die demnächst vielleicht nicht mehr bei der EU mitspielen möchte. Alle 4 Tage existieren, sonst nicht. Alle 4 Tage essen, interagieren, lachen, weinen, da sein, leben. Sonst nicht?

Ebenso häufig, wie Jan seinen Geburtstag tatsächlich feiern könnte, helfen Männer in der Pflege. Beides ist sinnarm, und doch ist diese Ungleichheit in der Statistik zu finden. Genauso, wie zum Beispiel in der Verteilung von Lehrkräften; auch die Ungleichheiten in der Bezahlung, an die der #EqualPayDay erinnern soll, gehören in diese Kategorie.

Strukturelle Ungerechtigkeit von vorgestern

Bis zum Tag, an dem die statistische Frau an meiner Position in meiner Firma den ersten Tag bezahlt bekommt, sind’s dieses Jahr noch 19 Tage. Ziemlich unfair.

Bis zum ersten gleichwertigen Arbeitstag eines Mannes in der Pflege sind es noch 233 Tage.

Klar, wir können als Gesellschaft so weitermachen und das soziale Miteinander, die menschliche Interaktion weiterhin aus Führungspositionen heraus von empathieverharmten Schlipsträgern managen lassen. Mit immer neuen Spitzenbelastungen, die in Soll-Positionen hineindefiniert werden. Einmal Kacken und Säubern? 3-6 Minuten. Wertschätzung des Menschen und individuellen Umgang? So was lässt sich nicht vernünftig und ausreichend entmenschlicht controllen!

Jenseits des Jobs

Pflege, Fürsorge und Empathie sind kein Beruf – sie sind Axiome menschlichen Miteinanders. Wer sein Leben ‚erfolgreich‘ ohne diese Komponenten bestreitet, kommt vielleicht ‚weit‘, wenn er – ja er – will. Macht über anderen Menschen, Einfluss auf gesellschaftliche Normen.

Und doch fehlt eins in so einem technokratisierten Sein: Auf die Bedürfnisse anderer eingehen zu können. Eigene Wünsche und Bedürfnisse voneinander unterscheiden zu können.

Gleichzeitig vermag dieses Gefühl der Macht über andere Menschen, die Möglichkeit, das Leben anderer entscheidend zu prägen und zu lenken, doch nicht den finalen Abschied zu versüßen. Denn was bleibt, ist das Entgleiten der Macht im Moment des letzten Alleinseins; es fehlt die Geborgenheit wohlgesonnener Seelen.

Kinder? Warum Kinder?

Fürsorge und Pflege braucht’s am Anfang und Ende des Lebens. Und es ist signifikant, dass die Berufsbilder rund um diese Lebensphasen mehrheitlich Frauen überlassen werden. Warum das? Ich hab eine Vermutung: Es hat etwas mit Macht und deren Multiplikationsfähigkeit zu tun. Weder Kindern noch Pflegebedürftigen und Alten kann sinnhaft mit Schablonen begegnet werden. Individuelle Betreuung lässt sich nicht mit Gleichförmigkeit ‚abarbeiten‘, und die ganze Misere unseres Bildungs- wie Pflegesystems, das auch Jesper Juul vehement beklagt, hängen an dieser Erkenntnis.

Umso wichtiger ist es, den kommenden Generationen den Weg zu eröffnen – ihnen die Freiheit zu schenken, Emotionen leben und ausleben zu können, ohne gesellschaftliche Restriktionen befürchten zu müssen. Ihnen die Sicherheit zu schenken, dass ihre innere Stimme ihr bester Ratgeber für’s Leben sein wird. Ihre aus dem eigenen Ich, den eigenen Bedürfnissen stammenden Entscheidungen für den eigenen Lebensweg zu unterstützen, so hahnebüchen sie uns und unseren normkorsettverseuchten Denkmodellen vorkommen mögen.

Männer*? Warum Männer*?

Geschlechterstereotype sind letztendlich nicht maßgeblich. Um das zu verinnerlichen, wär es extrem hilfreich, wenn Vertreter dieser Erziehungsopferkategorie (nein, da ist fast kein Sarkasmus dabei) ihre Werte möglichst reflektiert an den Nachwuchs weitergeben, auf dass sich letzterer ein eigenes Bild daraus basteln möge.

Deswegen bin ich gern, häufig und ausdauernd in meiner ‚Rolle‘ als Vater unterwegs. Ich möchte es nicht, eine Rolle spielen. Und doch weiß ich, dass ich es nicht schaffen werde, diese Schublade zu verlassen. Dieses Kategoriegedöns zu obsoletieren wir Aufgabe der kommenden Generationen sein, da bin ich traurig deprimierter Realist genug, um nicht davon zu träumen, jenseits der aktuell gängigen gesellschaftlichen Stereotype unterwegs sein zu können.

EqualCareDay

Der Tag der Aufmerksamkeit für die gleichwertige Pflege ist ebenso notwendig und sinnvoll wie all die anderen Tage, die der Gleichwertigkeit der Geschlechter gewidmet sind. Und mir ist es dabei auch herzlich egal, was aus der Bandbreite der so called LGBTQIA unterwegs ist: Empathie, Fürsorge und Pflege ist und bleibt ein Axiom menschlichen Miteinanders.

Wem dieser Aspekt in seinem Leben fehlt, ist arm.

Autor: steffen

Lebt. Liebt. Streitet.

2 Kommentare

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