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Empathiesensoren

Kürzlich schrieb Snowqueen vom Gewünschtesten Wunschkind einen beeindruckenden Artikel über die Reihenfolge von Bezugspersonen im Leben von Babys. Anschließend fragte sie auf Twitter, ob die Papas etwas zu ihrem Status als „Nummer 2“ berichten wollen.

Ich fühlte mich geehrt, aber nicht angesprochen, was dieses Thema anging, da es bei uns nicht so wirklich der Fall ist. Was ich dann auch prompt kundtat:

So weit, so gut.

Und dann passierte schon wieder, was erst kürzlich der Fall war: Nach Hause, Kinder, #Schwiegers, Bett. Und dann meldet sich der Hinterkopf.

Ist wirklich alles gleich? Und woran genau mache ich eigentlich fest, wer hier Nummer 1 ist und wer nicht? Und überhaupt: Ist der Kern des Textes nicht ein ganz anderer?

Natürlich ist nicht alles gleich

Je länger ich darüber sinniere, desto mehr feine Unterschiede fallen mir auf. Klar kann ich Fleischbärchen ins Bett bringen, aber wenn Mama da ist, dann verlangt sie trotzdem nach ihr, und sei es nur für ein abschließendes Schlaflied.
In der KiTa ernte ich dagegen häufiger als die Mama das von Snowqueen angesprochene Theater. Schuhe anziehen? Wäh! Gesang, wenn ich versuche, die Jacke zu schließen. „Das kann ich selba, Papa!“ Zehn Sekunden angestrengte Einfädelversuche, dann ein verzweifeltes „Geht nicht! Wäh!“ Ich versuche es erneut, eine geistige Runde im Goldfischglas später: „Alleine, Papa!“

Und hier kommt der kleine, feine Unterschied: Je nachdem, wie bescheiden mein Tag war, wie dünn das Nervenkostüm, wie nervtötend das Geseier des mitteilungsfreudigen Bahnsitznachbarn mit legendärem Mundgulli auf der Rückfahrt von der Arbeit – ihre Reaktion fällt unterschiedlich aus. Selbst bei quasi identischem Verhalten und stoischem Gleichmut scheint sie förmlich zu riechen, wie dünn Papas Haut ist.

Szenenwechsel. Der kleine Mann lässt sich von Mama wie Papa füttern, wickeln, baden, trösten, ins Bett bringen. Alles scheinbar gleich.
Und doch: Aus vermeintlich unerfindlichem Grund geht’s den einen Abend mit dem Papa partout nicht ins Traumland; Mama kommt – Licht aus. Am nächsten Tag kann Mama 7 Gänge kredenzen, jeder wird laut- und gestenstark mit einem Gesichtsausdruck bedacht, der vorwurfsvoll Vergiftungsversuche attestiert. Papa kommt, erzählt n Schwank aus der eigenen Jugend und füllt dem glucksend lachenden Nachwuchs ein halbes Pfund Beliebigkeiten in die Verdauungswege.

Immer der Nase nach

„Jemanden riechen können“ ist nicht nur eine Redewendung. Es ist eine Form des Ausdrucks vom Eisberg-Prinzip, nachdem die Kommunikation zwischen Menschen nur zu 20% auf einer bewussten Ebene stattfindet. Der Rest ist ein munteres Potpourri aus unterbewussten Botschaften mittels Mimik, Gestik, Verhalten und eben auch Gerüchen.

Dass Hunde den Stress beim Schwitzen von Menschen wahrnehmen können, ist hinlänglich bekannt. Auch Menschen können das riechen. Je kleiner das Baby, mit dem wir es zu tun haben, desto geringer ist auch die Fähigkeit zu bewussten Aktionen oder Reaktionen. Und ähnlich wie bei Blinden (die in den meisten Fällen über ein überdurchschnittliches Gehör und/oder einen entsprechenden Tastsinn verfügen) habe ich das Gefühl, dass Kinder ebenso ausgeprägtere, empfindsamere Wahrnehmungsfähigkeiten haben. Dass die kleinen Menschen das, was sie wahrnehmen können – Gerüche, Berührungen, die Stimmlage und Anspannung eines Menschen beim Sprechen, Gesichtsausdrücke, die ihnen gewidmete Aufmerksamkeit – intensiver wahrnehmen können, weil ihnen der Inhalt des Gesagten, die Worte, die zusammenhängenden Aktionen, die Kausalitäten und die verbal ausgedrückten bewussten Intentionen ihrer Gegenüber schlicht abgehen.

Ein eindrückliches Beispiel, wie sehr gestresste Personen – auch und gerade die Hauptbezugspersonen, also Nummer 1 und 2 – zu Ablehnungsreaktionen führen können, hat Änny hier aufgeschrieben. Damals schaffte erst eine entspannte Nachbarin – mit Sicherheit zur damaligen Zeit nicht Fleischbärchens Nummer 3 – das Kind in gefühlter Rekordzeit zu beruhigen.

Lange Zeit schaffte es meine Holde ebenfalls nicht, abends unsere Große ins Bett zu bringen – schier endloses Geschrei war die Folge. Ich war mir der Neigung unserer Tochter ebenso bewusst, abends alles wichtiger als Schlafen zu definieren. Allerdings schaffte ich es, wesentlich ruhiger zu bleiben, da ich mich leichter damit abfinden konnte, dass sich eh nichts dran ändern lässt. Selbst ich konnte in der Zeit förmlich riechen, wie mit zunehmender Abendstunde Anne unterschwellig angespannter wurde, weil ihr vor dem Geschrei am Abend graute.

Schicksalsergebenheit: Mit allen Sinnen wahrnehmen

Mittlerweile habe ich gelernt, ein Stück weit in mich „hineinzuhören“. Die Fähigkeit, auf andere eingehen zu können auch mal an sich selbst auszuprobieren, kam mir von allein gar nicht in den Sinn. Auf einem Seminar zu „Work-Life-Balance“ schlug mir die Trainerin das vor. Manchmal sind es die einfachsten Dinge, auf die man nicht kommt…

Inzwischen hab ich mehr oder weniger ein Gespür dafür entwickelt, wie es um meine Kids-Kompatibilität bestellt ist. Und auch eins, ob’s der Holden grad eher noch dünner rund ums Nervenkostüm ist oder nicht. Interessanterweise wird meines robuster, wenn ich merke, dass das meines Gegenüber leichter aus dem Gleichgewicht kommen könnte (oder schon ist).

Keine klaren Nummern. Aber ne klare Vorstellung.

Wir haben keine klare Rangordnung beim Lütten. Bei Fleischbärchen tendiert es zu Mama, was nur logisch ist, da ich mir insbesondere in ihrem ersten Lebensjahr der Mechanismen, wie sie auf was reagiert, nicht in der Deutlichkeit bewusst war.
Ich habe auch keine Probleme damit, nicht Nummer 1 zu sein. Auf die mir mögliche Art und Weise liebe ich meine Kinder, meine Frau, die weit verzweigte Familie. Und eine Unmenge an Leuten, denen ich teils noch nicht mal über den Weg gelaufen bin, gehört ein ziemlich großes Stück meines Herzens, meiner Zuneigung. Dieses empathische Geröll macht das Leben zwar ziemlich anstrengend, aber zugleich auch unglaublich reich an kleinen, wundervollen Momenten. Diese zu genießen – und zu verschenken – macht mein Leben jeden Tag ein Stück reicher.

Autor: steffen

Lebt. Liebt. Streitet.

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