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Die Crux mit dem Schlafen: Das Beste für’s Kind ist nicht das Beste für’s Kind

Es ist inzwischen einige Zeit her, als wir aufgrund der allabendlichen Einschlafprobleme mit unserer Großen die KiTa um ein Gespräch baten. Wir gingen auf dem Zahnfleisch, eine Änderung musste her. Die kam auch, es wurde besser. So kann es für uns weitergehen.

Tut es aber nicht.Was ist passiert?

Konzept versus Eltern

Das Konzept unserer KiTa, basierend auf den Waldorf-Ideen, ist ein den Bedürfnissen des Kindes naheliegendes. Das find ich persönlich prima, und jenseits der Schwierigkeiten, die wir hatten – die lagen viel mehr an den Umständen, nicht am Konzept – freut sich das Fleischbärchen auf die KiTa. Sogar imzwischen so sehr, dass sie beim Abholen nach der Mittagsruhe keine Eile, sondern im Gegenteil demonstrative Ruhe an den Tag legt. Nochmal schaukeln will, kurz eben nochmal mit dem Teddy spielen, dann die Betreuerinnen verabschieden… und irgendwann bewegt sie sich dann mal auf den Ausgang zu.

Alles schön, alles gut? Dachten wir jedenfalls. Mehrfach hatten wir die Betreuerinnen gebeten, Emmi in der Zeit der Mittagsruhe spielen zu lassen, vielleicht sogar mit den Kindern aus den größeren Gruppen. Das wurde uns verneint, da so ein Betreuungswechsel nicht ohne Eingewöhnung ablaufen könne, aber man würde sich mit ihr hinsetzen, Bücher lesen und reden.

Die Historie

Heute schließlich hatten wir auf Wunsch der KiTa-Leitung ein Gespräch mit eben dieser. Nachdem wir gebeten wurden, unsere Sicht der Dinge zu beschreiben. In Kürze war das:

  • Anfang des Jahres war allen klar: Sie braucht Mittagsschlaf, den gibt’s in der Elementargruppe nicht. Ein weiteres Jahr Krippe.
  • Seit der Osterhase die Schnuller hat: Einschlafprobleme, Schreien, ständiges Wecken des kleinen Bruders. Parallel dazu: Trockenwerden, Stuhleinhalten – und wir laufen auf dem Zahnfleisch.
  • Der achttägige Urlaub zeigt: Ohne Mittagsschlaf, nur mit einer wachen Ruhephase klappt alles wie im Bilderbuch. Festes Abendritual, Durchschlafen, kein Wecken des Bruders. Wir sehen wieder Licht.
  • Zurück in der KiTa: Das alte Leid. Nach dem ersten Gespräch Verkürzung der Zeit. Bessere Atmosphäre und Laune, abends immer noch schwierig.
  • Die Beschäftigung über Mittag statt des Schlafens schließlich ist der Durchbruch: Schläft sie mittags nicht, geht abends alles wie am Schnürchen.
  • Schläft sie mittags trotzdem ein, startet der Teufelskreis: Abends länger wach, knatschiger, will nicht ins Bett, schreit. Späteres Zubettgehen: Schreien wegen Übermüdung. In beiden Fällen Bruder wach.
    Am nächsten morgen: Kind bei Wecken noch müde, mittags noch müder – schlafen. Und so weiter.

Uns ist klar: Mit Mittagsschlaf geht es nicht. Ein Wechsel zur Elementargruppe steht weder kapazitativ noch für’s Kind zur Debatte, da ist sie in der Krippe richtig. Nur mittags, das geht nicht.

Die Leitung ist…hierarchisch.

Uns wird klar gemacht: Das sei schlecht für’s Kind. Die harten Geschosse werden ausgepackt: „Essen, Trinken, Schlafen. Das sind Grundbedürfnisse. Wenn wir die nicht zulassen, können wir verklagt werden.“

Wir erkundigen uns nach den Umständen der Mittagsruhe. Der Raum wird teilverdunkelt, alle Kinder legen sich meist freiwillig in ihre Betten und schlafen. Sie müssen nicht, dürfen sich auch ruhig beschäftigen, aber wer will, schläft.

Das ist auch ok. Nur eben nicht hilfreich für unsere Tochter: Die Mattigkeit nach dem Essen zieht, und wenn fast alle Kinder sich bereitwillig hinlegen, scheint das – Nachahmung lässt grüßen – eben so zu sein. Die Abdunklung tut ihr übriges, den Melatoninspiegel über den kritischen Pegel zu hieven.

Klare Ansage der Leitung: Für eine separate Betreuung außerhalb des Raumes fehle das Personal. In eine Elementargruppe wollen sie das Kind aufgrund der körperlichen Unterlegenheit und des Personalschlüssels (25 Kinder auf zwei Betreuende) nicht schicken. Und der Schlaf, wenn er denn nun mal komme, sei eh das Beste für das Kind.

Ende.

Das Beste ist nicht das Beste

Was für ein Kind optimal und richtig, ist im Duett mit dem zweiten Spross genau der dramatische Faktor. Die beste KiTa am Ort wird damit zur nicht besten für uns als Familie. Als schon klar ist, was die Optionen sind, folgt noch ein Nachschlag, der die Zweifel nur noch stärkt.

Ritualfragen

Wie denn der Nachmittag nach der KiTa laufe, werden wir gefragt. Vielleicht ergeben sich ja da noch Gestaltungsmöglichkeiten. Bereitwillig erteilen wir Auskunft:

Zurück zuhause gibt es einen Nachmittagssnack, danach je nach Wetter Spiel draußen oder drinnen. Zwischen 6 und halb 7 Abendessen, danach Bad- und Bettgehritual mit Vorlesen und Einschlafmusik von der CD.

Ich berichte, dass es mit Mittagsschlaf auch schon vor dem Ende des Abendessens die Unruhe gibt, weil die Große weiß, dass danach der Gang zum Bad und Bett folgt. Stattdessen die Flucht vom Essen zurück in die Spielecke. Wahlweise auch erst im Bad/Bett entsprechende Proteste.

Und dann folgendes: „Legen Sie doch das Kind schon vor dem Vorlesen ins Bett, damit es sich dort beruhigt. Die Nestwärme aufzubauen ist wichtig.“ – „Leg ich sie hin, geht das Geschrei gleich los.“ – „Dann schreit das Kind halt. Irgendwann hört es damit schon auf. Kinder schreien halt manchmal.“

Konsequenzen

Ich schalte innerlich auf Notbetrieb, um nicht zu explodieren. Unser Ritual sei zu weich, das müsse strikter durchgezogen werden, keine Abweichungen (mal macht sie die Musik an, mal ich – je nachdem, wie sie sich es wünscht).
Bin ich im falschen Film?

Ich resümiere unser Gespräch, betone die gemeinsamen Standpunkte, dass das Konzept für sich gesehen das Beste für das Kind sei. Die KiTa kann für unsere Rahmenbedingungen nichts, gleichwohl dürften wir kaum die einzigen sein, die diese Problemsituation zur Sprache brachten.

Verständnis für das zwischen den Fronten stehende Personal äußernd schließe ich mit der Bemerkung, dass wir aufgrund der Entscheidung der KiTa-Leitung ab sofort sehen werden, ob mit dem Mittagsschlaf die Abendprobleme wiederkommen. Tut es das, werden wir die Konsequenzen ziehen.

Ich lasse die rechtliche Absicherung über mich ergehen, dass die KiTa ja nicht wolle, dass wir das Kind rausnehmen – damit sind Träger und Kommune aus der Verantwortung, dass wir im Falle des Falles höhere Betreuungskosten geltend machen wollen könnten.

Ein langer Weg

Ja, wir klagen auf hohem Niveau. Wir leisten uns einen KiTa-Platz, obwohl wir auch zuhause eine Betreuung gewährleisten könnten. Die KiTa ist toll, das Konzept ist es auch, und doch führt gerade das zu einer Situation, die für uns untragbar ist.

Schlussendlich liegen die begrenzenden Faktoren in zwei Abstraktionen: Zum Einen in der Unflexibilität eines Konzepts, dessen Ränder meiner Meinung nach eine kleine Aufweichung durchaus vertragen würden. Früher oder später kommt jedes Kind in diese Übergangsphase, in der es eigentlich keinen Mittagsschlaf mehr braucht, aber trotzdem noch einen macht. Das ist mit Einzelkindern vielleicht nur für die Eltern eine Herausforderung, große Geschwister sind auch weniger ein Problem. Aber ist die Einrichtung einer Mittagsbetreuung für Krippenübergangskinder wirklich so ein Problem? Das riecht für mich nach Organisatorik – und der zweiten Abstraktion: Betriebswirtschaftliche Erwägungen. Kinderbetreuung muss wirtschaftlichen Rahmenbedingungen genügen. Heute schon aus Sicht der BWL ein Zuschussgeschäft, wäre eine solche Forderung wie von mir erhoben natürlich nur der Auslöser erneuten Stöhnens.

Prioritäten

Wenn also nicht mal die KiTa mit dem tollsten Konzept vor Ort, dass die Kinder und deren freie Entwicklung in den Mittelpunkt ihres Wirkens stellt, wenn diese KiTa also nicht den Bedürfnissen der weiteren Kinder von Familien Rechnung tragen kann, dann empfinde ich die Prioritäten als seltsam gesetzt. Ein-Kind-Familien haben damit weniger ein Problem, sind aber wirtschaftlich auch nicht gerade hilfreich, was die zum Pilz mutierende Alterspyramide der Bevölkerung angeht. Mehr Kinder, die dafür von frühester Zeit an systemkonform „behandelt“ werden müssen, die „auch mal schreien müssen und schon irgendwann damit aufhören“?

Ich habe Zweifel.

Wir werden sehen, wie es sich in den kommenden Tagen für uns als Familie entwickelt. Und werden – für beide Kinder geeignete – Maßnahmen ergreifen. Denn mit einem habe ich keinen Zweifel mehr: Ich höre auf die Bedürfnisse der Kids. Und mein Herz.

Autor: steffen

Lebt. Liebt. Streitet.

23 Kommentare

  1. Das tut mir so leid, dass ihr da so Heckmeck habt. In Familien mit mehreren Kindern ist es nun mal so, dass alle irgendwie irgendwo einen Abstrich machen müssen – und wenn das in dem Fall der Mittagsschlaf ist, damit abends ALLE Frieden haben, dann hat der Kindergarten das nicht zu boykottieren sondern zu unterstützen. Es ist ja auch im Interesse der Tochter, wenn ihr dafür sorgt, dass sie einen ruhigen Abend mit frühem Nachtschlaf habt.
    Da ist unser Kindergarten glücklicherweise ganz pragmatisch. Wir haben gesagt, dass He-Man nach einer halben bis dreiviertel Stunde aus dem Mittagsschlaf geweckt werden müsste, weil er abends sonst nicht schläft (er eskaliert sich dann gerne über den Müdigkeitspunkt so lange, bis er quasi umfällt). Gar kein Problem, wird gemacht. He-Man macht es nichts aus und wir haben wieder ruhige Abende. Beim MiniMi war es genau so. Das ist also durchaus machbar.

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  2. Das ist ja unglaublich. Schreien lassen ist ok, eine wache Ruhephase für ein Kind mit offensichtlich gerringem Schlafbedarf nicht? Das ist nicht am Kind orientiert, sondern an irgendwelchen absurden Denkmustern. Ich würde mir eine andere Einrichtung suchen, der es wirklich um das Wohl der Kleinen geht – und dazu gehört auch, dass auch die Familie funktioniert. Wenn der Knackpunkt so offensichtlich ist, sich dem zu verweigern, find ich ja schon eine Zumutung.

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  3. Ihr als Familie geht vor – ganz klar.
    Dass die KiTa auf Eure Probleme nicht eingehen will, ist immer noch mir total unverständlich.
    Gibts denn eine Alternative ausser der Betreuung daheim?

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    • Vielleicht noch ne Tagesmutter, wenn wir eine finden. Ist letztlich eine Frage der Zeit, da der kleine Mann ja auch älter wird – irgendwann soll er ja auch in die Betreuung. Und ihr Wechsel in die Elementargruppe ist auch in spätestens 10 Monaten.

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  4. @papapelz Lieber Steffen, ich hab Gänsehaut vor Wut. Schreien lassen, nicht Babys, sondern selbst Kinder schreien schon mal und hören irgendwann auf? Passt wohl kaum zum Konzept und ist Verrat dessen, worauf sie sich berufen. Wir hatten mit Mittagsschlaf ganz andere, aber ebenso krasse Probleme. Ich würde das keinen Tag länger mitmachen: Die Kita ist für Euer Leben am Limit verantwortlich! Wenn sie nicht in der Lage sind, den wirklichen Bedürfnissen des Kindes Rechnung zu tragen, würde ich in den (immer noch weniger) sauren Apfel beißen und sie nach dem Essen abholen. Es ist unglaublich! ((())) Fühlt Euch gedrückt und in Eurem Weg gestärkt. @Sahnelinchen

    via twitter.com

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  5. Es kommt leider viel zu oft vor, dass irgendwelche seltsamen Argumente benutzt werden, wenn schlichtweg der Wille fehlt. Unsere Kita will zb keine Zahnputzmöglichkeiten einräumen, weil das unhygienisch ist. Fällt einem auch nix zu ein.

    Eine ähnliche Situation hat sich mit dem großen Sohn in der Schulbetreuung ergeben. Wir haben ihn jetzt abgemeldet. Als die Betreuerin auf ihrem „pädagogischen Konzept“ herumpochte, musste ich doch fast ein bisschen lachen …

    Letztendlich hilft eine gesunde Portion Selbstvertrauen und das Vertrauen darauf, dass man sich und das Kind am besten kennt.

    Mit den besten Grüßen,

    Mara

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