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Aufstand der Müden – #ElternmachenAufstand

Das ältere Kind versucht sich seit gut einer Woche selbstbestimmt ins Bett zu begeben. Das jüngere sagt es mit seinen nicht mal zwei Jahren bereits an, wenn es müde ist und schlafen will. Was soll ich sagen: Es ist anstrengend. Und was hat das jetzt mit einem Aufstand der Eltern zu tun?

Einfach alles.

Seit das zweite Kind da ist, hat sich bei uns vieles geändert. Mein bisheriger Weg, einfach noch mehr Zeit bei mir wegzuschneiden – also nicht nur die #metime, sondern zum Schluss auch Grundbedürfnisse wie regelmäßig ausreichend Schlaf – war so herzlich ermüdend wie zusammenbruchsfreundlich: Meine lange Pause auf dem Blog hatte einen guten Grund…

Was ist passiert? Als unser erster Spross das Licht der Welt erblickte, versuchten wir, den Ansprüchen unserer Umgebung an den Umgang mit dem Kind gerecht zu werden: Du schenkst dem Bündel mit Milchpupsaroma halt deine Aufmerksamkeit, Zeit, Zuneigung. Liest Bücher mit ihm, ziehst es sauber an, wenn Besuch kommt und versuchst, es zu den U-Untersuchungen zu animieren, die Tests zu bestehen. Wenns aus dem Rahmen der Erwartungen fällt, suchst du dir Literatur, die dich diesbezüglich beruhigt, dass alles in Ordnung ist Und wenn du Kindern mit ähnlichen Eigenheiten begegnest, erleichtert es dich, weil du Menschen gefunden hast, die mit den gleichen Dingen auf Kriegsfuß stehen wie du.

Aber irgendwie ist das alles ganz schön anstrengend.

Das zweite Kind kam, und wir beschlossen, es einfach drauf ankommen zu lassen: es kommt, wenn es kommt und wie es kommen mag. Sei es bei der Geburt, beim Ausprobieren von Beikost, beim Schlafen, Essen, Klettern… Lass mal machen.

Auch schön – und um Welten entspannter. Aber immer noch anstrengend und zeitintensiv. Und weniger belastend in Kombination mit dem ersten Spross ganz bestimmt nicht.

Da war noch was

Nebenher gibt’s zu den Kindern ja auch immer noch so zivilisatorische Errungenschaften wie „Erwerbstätigkeit“, die den gewählten Lebensstandard ermöglichen soll. Und auch die fordert Zeit, Energie, Aufmerksamkeit und für die meisten Menschen auch so etwas wie einen Arbeitsweg.

Nun freut sich die Wirtschaft über den Nachwuchs an Konsumenten, weniger jedoch über den Ausfall an Leistungserbringern, der damit einhergeht. Und schneller, als es mir lieb ist, seh ich mich mit der Frage konfrontiert: Leb ich, um zu arbeiten oder arbeite ich um zu leben? Oder gibt’s da vielleicht irgendwas dazwischen?

Wirtschaft ist Controlling

Ein Geschäftsbetrieb im Kapitalismus funktioniert genau dann, wenn er sich rechnet. Um das sicherzustellen, gibt es die Betriebswirtschaftlerinnen und Controlling. Und wie finde ich raus, ob sich etwas rechnet? Ich vergleiche. Denn das ist der Kern des Kapitalismus: Wettbewerb, in dessen Vergleich miteinander das Stärkere gewinnt.

Eltern rechnen sich nicht so doll. Dummerweise ist dieses Fortpflanzungszeugs ja nun eminent wichtig, um den Humanflow analog zum Cashflow aufrecht zu erhalten, also definiert die Politik der Territorialbeliebika (a.k.a. Staaten) je nach Streit- und Äußerungsfreudigkeit des Wahlvolks Rahmenbedingungen, um die Reproduktionsfreude anzuregen. Die „Karriere“ leidet im Großteil der Unternehmen westlicher Standardprägung darunter, solltest du in Erwägung ziehen, dem reinen Reproduktionsakt eine Zeit der Aufmerksamkeit und Fürsorge für das Reproduktionsergebnis folgen zu lassen. Noch unschöner wird’s, wenn du postulierst, dass diese Milchpupsdufteinheit dauerhaft zur höheren Priorität in deinem Leben reift: Du bist plötzlich ein Dorn im Auge der Betriebswirtschaft. Schließlich wirst nicht nur du krank, sondern plötzlich hat dieses Bündel an Irrationalität und Willkür Bedürfnisse, die wider deinem Schichtplan, deiner Wochenarbeitszeit oder den Terminvereinbarungen von Gremien sind, in denen du dich einbringen möchtest.

Ein Alptraum für die Berechenbarkeit. Wirtschaftlicher sind da allemal menschliche Funktionseinheiten, die den Bedürfnissen der Wirtschaft ihre eigenen oder die ihres persönlichen Umfelds unterordnen.

Aufstand

Dabei ist alles, was ich als Elternteil will, Augenhöhe. Aber das ist eine gewaltige Forderung, so scheint es – denn ich will sie nicht nur für mich, sondern auch für den Nachwuchs. Kinder haben meiner Überzeugung nach die gleichen Rechte, ihre Bedürfnisse zu stillen, wie alle ‚Erwachsenen‘ auch. Nach welchen Kriterien bemisst sich die Würdigung des kindlichen Bedürfnisses nach Geborgenheit und Zuwendung? Die Stechuhr des Schichtplans wird’s nicht sein, so viel ist ziemlich sicher.

Und wenn wir gerade dabei sind: Wir ‚Erwachsene‘ haben vielleicht gelernt, unsere Bedürfnisbefriedigung dem Terminkalender oder dem Schichtplan unterzuordnen, aber wem oder was schenken wir da die Priorität?

Laura schrieb, inspiriert von einem Artikel in der Zeit von Johanna Schoener, wir Eltern sollten den Aufstand machen.

Hier ist mein erster Beitrag dazu. Denn ich möchte, dass meine Kinder lernen, dass sie schlafen können, wenn sie müde sind. Nicht wenn es „Zeit ist, ins Bett zu gehen“. Sie sollen – statt zu funktionieren – leben können.

Autor: steffen

Lebt. Liebt. Streitet.

35 Kommentare

  1. Großartig geschrieben! Ich kann dir nur zustimmen – insbesondere der letzte Satz spricht mir aus der Seele!
    Schön, dass ich endlich wieder was von dir lesen darf.

    Andrea

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  2. Puh. Ich finde das ganz schön schwierig. So auf Dauer. Wenn dann auch noch Schule und andere Unwägbarkeiten hinzukommen.
    Und ich finde es schwierig bei kleinen Kindern zu sagen: O.K., geh schlafen wenn Du müde bist, aber bleib bitte in Deinem Zimmer, denn ich kann einfach nicht mehr und möchte nur noch auf der Couch sitzen.
    Aber ich kann die Gedanken dahinter nachvollziehen.

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    • Mit Menschen auf Augenhöhe klarkommen IST schwierig – besonders, wenn der eigene Nachwuchs genau weiß, mit welchen Aktionen die größte Resonanz möglich ist… nur: mit welcher Rechtfertigung gewichten wir unsere eigenen Bedürfnisse über die von Kindern? Die Gratwanderung ist einer jeden eigene.

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      • Aber mit welcher Begründung sollte ich die Bedürfnisse der Kinder über meine stellen? Wenn ich nicht funktioniere (sprich meine Grundbedürfnisse zu einem Minimum befriedigt sind), kann ich auch nicht adäquat für die Kinder da sein, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen.
        Schwierig.

        Antworten
        • Das isses ja – weder die eigenen, noch die der Kinder sind pauschal die „wichtigeren“: die individuelle Entscheidung braucht’s. Eben die Gratwanderung einer jeden einzelnen.

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  3. kathrinrabenmutter

    30/08/2016 @ 13:43

    Ja ja ja und ja! Ein Aspekt, der mir bei der Vereinbarkeitsdebatte schon lange gefehlt hat, nämlich die Reaktion und Emotionen der Kinder! Für mich persönlich ist Vereinbarkeit darum gerade ein Thema, weil ich mein Kind, das nämlich eigentlich vollkommen normal, sehr intelligent, überdurchschnittlich empathisch und ein äh wie sag ich das… „Muttersöhnchen“, wie ihn die Gesellschaft gern nennen möchte *hier Augenroll-Geräusch einfügen* ist, nicht so problemlos mit meiner Arbeitswelt „vereinbaren“ kann. Weil die Betreuung durch Dritte für ihn sehr herzzerreißend ist. Weil Firmen immer noch nicht in Home Office vertrauen und investieren. Weil es kaum Gleitzeiten gibt. Weil ich in einer Branche bin, in der unbezahlte Überstunden als vollkommen unaufgeregte Normalität gelten. Weil mein Chef mir kurz vor Rückkehr aus der ersten Elternzeit auf meine Forderung nach einer Teilzeitstelle in aller Deutlichkeit signalisierte, dass ich meinen Job, so wie ich ihn jahrelang vorher in leitender Funktion gemacht habe, nicht wieder bekommen werde, wenn ich ihn nicht in Vollzeit plus eben Überstunden mache. Das heißt also, dass ich jetzt einen Job, für den ich überqualifiziert bin, in Teilzeit machen könnte, allerdings jeden Morgen ein todsterbensunglückliches Kind bei der Tagesmutter oder Kita abgeben müsste und seine Bedürfnisse, sein individuelles Tempo, völlig ignorieren und Funktionieren erwarten müsste, damit sich Beruf und Familie überhaupt in irgendeiner Form vereinbaren ließen. Dass sich das falsch anfühlt, das muss ich glaube ich nicht noch extra betonen. „Aber so einen Job gibt man doch nicht auf“, „Tja da wird dein Sohn dann wohl durch müssen“ und „wie soll das denn mal werden, wenn er zur Schule muss“… Sind Phrasen, die ich auf meine Kritik ständig höre und die einfach.nur.nerven. Weil ich es nämlich genau sehe wie du; über den Kopf meines Kindes, der mir signalisiert, dass er es so nicht will, zu entscheiden, ist nicht Gleichwürdigkeit. Für eine Alternative muss ich nun sorgen, schaffe es aber, in unserem kapitalistischen System, niemals so, dass ich einen signifikanten finanziellen Beitrag zur Familie beitragen und TROTZDEM mehr bei meinen Kindern sein kann, als am Schreibtisch. Dieses ganze System muss überarbeitet werden. Es ist nicht zeitgemäß. Und dieser Text ist länger geworden, als geplant 😃

    P.S.: Wunderbare Worte, es ist TOLL, dass du wieder schreibst. Ich habe es vermisst!

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  4. Amen,
    mehr gibt es zu dem Artikel nicht zu sagen
    und gleichzeitig könnte ich Bücher füllen…

    Gruß, A.S.

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  5. Hi Steffen,

    endlich finde ich etwas Zeit, für einen Kommentar. Wie ich ja per Twitter schon mitteilte bin ich bis zum letzten Abschnitt Deines Textes voll dabei.

    Mit dem letzten Abschnitt hadere ich etwas, eventuell, weil ich Deine Schlussfolgerung oder Dein Fazit noch nicht so recht verstanden habe. Auch ich möchte meinen Kindern auf Augenhöhe begegnen oder vielmehr, dass sie mir auf Augenhöhe begegnen, zumindest soweit das im Rahmen ihres Heranwachsens möglich ist.

    Aber gibt es dort nicht auch Grenzen? Punkte, an denen ich zeigen muss, bis hier hin kannst Du gehen. Wenn Du darüber hinaus gehst, übertrittst Du (meine) Grenzen. Und darüber hinaus: Bin ich als Elter nicht auch gefordert, sie anzuleiten, sie auch ein stückweit vor sich selbst zu schützen, sollte ich ihnen nicht auch ein Wegweiser sein, sie in Abhängigkeit zu ihren Fähigkeiten in die Selbstständigkeit entlassen? Kann man da wirklich von Augenhöhe sprechen? Ist es nicht eher Respekt und Rücksichtnahme vor den Bedürfnissen der Kinder?

    Und um damit beim Beispiel des Zubettgehens zu bleiben: Bin ich dann nicht eben doch gefragt, wenn der Zwerg völlig übermüdet und überdreht durchs Wohnzimmer rennt, ihm deutlich zu machen, dass jetzt „Zeit fürs Bett“ ist. Wenn er dafür die Aufmerksamkeit und Nähe einer Bezugsperson braucht, gebe ich sie ihm aus Respekt vor seinem Bedürfnis. Wenn ich durch eine intensive Einschlafbegleitung zu viel persönliche Freizeit einbüße, ist dann meine Grenze nicht überschritten und muss ich dem Kind das dann nicht aufzeigen?

    Oder – und ich glaube, das meinst Du auch?!? – muss ich dann nicht meine Prioritäten überdenken und prüfen, ist es wirklich das Bedürfnis des Kindes, was mich hier in den Wahnsinn treibt, oder sind es falsche Prioritäten und zu hohe Ansprüche an mich, die mich aufreiben und zermürben (High-Performer bei der Arbeit mit 8-Stunden-Arbeitstag und vielleicht noch zwei Stunden Wegezeit, gleichzeitig „Qualitytime“ mit den Kindern haben wollen und ich selbst bzw. die Beziehung zu meiner/meinem Partner/in will auch nicht zu kurz kommen).

    Und dann bin ich ganz bei Dir und habe das für mich in den vergangenen anderthalb Jahren auch versucht so zu leben: Die Arbeit hat sich der Familie unterzuordnen und nicht andersrum. Dass das in unserer „Wirtschaft“ im Jahr 2016 noch immer nicht selbstverständlich ist und man mit ziemlichen Felsbrocken zu kämpfen hat, treibt mich auch regelmäßig in den Wahnsinn. Zeit für einen Aufstand.

    Etwas wirrer Kommentar, aber irgendwie bekomme ich es nicht geordneter 🙂

    Servus,
    Daddy Dahoam

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...und was meinst du dazu?

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