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Rosa – Hellblau – Violetta

Nennt mich masochistisch oder einen liebenden Menschen – am letzten Wochenende unterschieden sich beide Facetten meiner Persönlichkeit da nicht so wahnsinnig ausgiebigst voneinander: In der Hamburger Barclaycard-Arena gastierte „Violetta live“. Aber was wollte ich denn da, und was war das überhaupt?

Durchatmen: Und los.

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Bis eine Stunde vor dem Start weigerte ich mich hartnäckig, mich auch nur zu erkundigen, was genau Violetta ist – ein kurzes Hochschauen beim Kauf der Tickets zeugte von rosa Krams auf violettem Hintergrund, die abgebildete Protagonistin erinnerte mich irgendwie an die junge Alyssa Milano und so genau wollte ich gar nicht wissen, auf was ich mich da einließ. Denn ich hatte mich bereit erklärt, mit meiner neunjährigen Nichte zum Live-Auftritt ihres Stars zu gehen. Nahezu ununterbrochen berichtete sie mir in einem begeisterten Monolog von den täglichen Folgen der Disney-Produktion im TV, den Charakteren, dem Leben der Figur.

Schließlich kamen wir am Veranstaltungsort an – den ich nie zuvor besucht hatte, aber mit traumwandlerischer Sicherheit fand. Denn:

Wo alle einstiegen, steigen wir ein, wo alle wieder raus wollten, stiegen wir aus. Das Nichtenkind wurde herzlich nervös ob meiner Navigationsmethodik, die aber hervorragend funktionierte. Schließlich standen wir vor dem Einlass, und zumindest sah ich einige Väter/Onkel/Opas, die sich gemeinsam mit ihrem nahezu durchweg weiblichen Jugendanhängel aufgeregt in die Halle drängten.

Direkt vor der Tür durfte man entweder mitgebrachte PET-Flaschen entsorgen, oder gegen eine Gebühr von einem Euro hinterlegen und nach dem Konzert wieder abholen. Drin gabs anschließend den halben Liter Wasser für 3,90€ wieder zu kaufen.

Auf die Plätze

Zuerst, wie man das halt so macht, stand der Klogang auf dem Programm.

Danach entschieden wir uns für ein paar Brezeln, das Nichtenkind für Sprite, ich für Rotwein. Es konnte losgehen! Ich hielt mich an Twitter fest und berichtete quasi live, was ich erlebte, während das aufgeregte Kind fieberhaft überlegte, wie viele Violettas denn hier rumschwirrten, schließlich seien wir an so vielen Sälen vorbeigekommen… bis sie realisierte, dass das lediglich die unterschiedlichen Eingänge waren. Und ihr langsam klar wurde: Da auf der Bühne steht nicht irgendeine Sängerin, die die Songs von Violetta zum besten gibt, nein: IHRE Violetta würde da gleich auftauchen!

Musik – im spanischen Original

Plötzlich ist die Bühne in knallige Farben getaucht, heftige Gitarrenriffs röhren durch die Halle und ich bin ein wenig verwirrt: Was is das jetzt?

Kurz nochmal die Webseite von Disney beschnuppert – ja, das war wohl tatsächlich die Protagonistin! Die Halle war noch vergleichsweise verhalten bei der Begrüßung gewesen, deswegen musste ich kurz linsen.

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Und schon ging’s in den zart augenkrebsigen Farbtönen der durchgegenderten Kindernormierungsindustrie weiter, wenngleich die musikalische Untermalung aus zwei Aspekten durchaus positiv überraschend war: zuerst mal kam da nix englisch-deutsch-verhunztes aus den Persönchen, und dann war’s weder musikalisch noch gesangstechnisch von den schlechtesten Eltern.

Was ich ebenfalls beachtlich fand: Die versammelten Kinderscharen gaben sich keine Blöße beim Versuch, die spanischen Texte der Lieder mit Inbrunst mitzusingen: Spanischkenntnisse hin oder her.

Irgendwann linste ich rüber, ob das Nichtenkind denn auch mitsingt, worauf sie mich entrüstet anfuhr: „Natürlich singe ich alles mit! Du kriegst bloß nix mit, weil du die ganze Zeit nur rumtickerst!“

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Auf die Schubladen

So musizierte sich also der gesamte Cast der TV-Serie munter durch das musikalische Programm, sauber durchgestylt mit dunklen Klamotten für die Jungs, passend dazu die härtere Musikausrichtung, während die Mädels in wechselnden Outfits je Song farbenfroh und pinklastig daherkamen.

Leon himmelt Violetta an und stellt zuerst mal fest, was am wichtigsten ist: „Isn’t she beautiful?“ Jo, das ist, was man kleinen Mädchen in das Hirn hämmern sollte: Erstmal gut aussehen.
Es folgen Highlights von Textbeilagen wie „I will always be there for you“ bis hin zum dramaturgischen Crescendo gegen Ende des Auftritts, dessen bildliche Verewigung mir misslang: „I love you, Violetta!“

Um auch sonst schön in den Klischees zu bleiben, ist der Slot für Rap-ähnliche Vertonung für den einzig farbigen Darsteller reserviert:

Die schmachtendste Ballade mit dem entsprechend vielfachen Fotomotiv und der innig vorgetragenen Botschaft „Never give up your dreams!“ gehört Violetta selbst, die Halle ist zwischenzeitlich entsprechend mobilisiert:

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Auch das Nichtenkind ist beseelt vom lichternen Eindruck und ich spüre einmal mehr leichtes Unbehagen ob der willfährigen Gleichschaltung, der sich Menschen in Massen so gern hingeben.

Taub, entgeldet, müde

Schließlich nähert sich das Konzert dem Ende und die anfänglich zögerlichen Bekundungen der Kids nach Zugaben (fordernd aufzutreten kannte wohl kaum jemand) münden bei der vierten Zugabe schließlich in ein vom Moderator inszenierten Geschrei, das in der Höhe seinesgleichen sucht.

Und dann ist es soweit: Die Bühne schließt sich unter dem frenetischen Jubel der Halle, ich höre nix mehr, aber wir finden den Weg nach draußen.

Die letzten Finanzmittel werden in DVD, CD und eine Tasche investiert und die Rückreise schließlich ist für mich ein wenig Kino: Da kuschelt sich ein hundemüdes, aber begeistert-glückliches Kind an meine Seite und freut sich ein zweites Loch in den Hintern, dass wir diesen Abend gemeinsam erleben durften.

Und mir ist klar: Jenseits des fragwürdigen Inhalts, der zumindest nicht trivialsten Vertonung und der durchaus passablen Gesangskünste ist dieser Moment der Glückseligkeit, der Nähe genau der Punkt, an dem ich ebenfalls lächle und denke: Dafür hat es sich gelohnt.

Autor: steffen

Lebt. Liebt. Streitet.

20 Kommentare

    • Danke. 🙂
      Letztlich war es auch für mich ein Lernprozess – ich kann es so schlecht finden, wie ich will, und trotzdem kann es etwas positives in der Bindung zueinander bewirken.

      Antworten

...und was meinst du dazu?

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