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Empathie

Das Ding mit den Hormonen in der Schwangerschaft schreibt der Volksmund ja gern den Schwangeren zu.

Was weniger bekannt ist, sind die emotionalen Schwankungen, die werdende Väter zur gleichen Zeit erwischen können. Vielleicht bin ich ja auch nur eine extrem empfindsame Ausgabe meines Geschlechts, aber sei es drum: Auch ich bin schwanger.

Das fängt an bei den extremen Stimmungsschwankungen: Wenn mir etwas nicht passt, dann nehme ich das neuerdings schnell persönlich. Ich überreagiere aggressiv, schnappe ohne ersichtlichen Grund zu. Ausgeglichenheit geht anders.

Was negativ geht, geht natürlich auch positiv: Vorhin juchzte ich vor Freude, als ich die Mitteilung bekam, dass jemand, die mir zutiefst sympathisch ist, in Kürze eine Würdigung erfährt, die auch einer nicht unerheblichen Öffentlichkeit bekannt werden wird. (Mehr kann ich jetzt erst mal nicht sagen, dazu aber in Kürze mehr. 😉 ) Aber unabhängig davon: Ich juchzte. Etwas, dass ich, besonders auf der Arbeit, bisher so noch nie gemacht hatte. (Und jede/r, der/die weiß, wie sehr ich Absolutismen verabscheue, weiß, dass ich kein Freund von Übertreibungen bin.)

Auch vor plötzlichen Heißhungern bin ich nicht gefeit: Mein holdes Weib Anne ist äußerst amüsiert darüber, dass ich noch schneller als sie zwischen Bismarckheringen und Erdbeeren, Bratklops mit Senf und frisch gepresstem Orangensaft wechseln kann.

Geht’s unserer Tochter schlecht, geht es mir schlecht. Lacht sie, rinnen mir Freudentränen herunter.

Als schließlich vor kurzem eine Mitschwangere aus einem Forum, in dem Anne aktiv ist, bereits kurz vor der 20. Schwangerschaftswoche Fruchtwasser verlor, war lange Zeit unklar, ob und wenn ja was und wie möglich wäre, um das nach wie vor wachsende und sehr lebendige Kind im Bauch der Betroffenen zu retten. Ihre Berichte über diesen Werdegang, die langsam schwindende Kraft und das schließliche Ende von Hannah, die vor zwei Tagen mit 450g und 22cm Länge geboren wurde und kurz nach der Geburt verstarb, raubten mir Schlaf und Nerven, und als ich schließlich die Nachricht erhielt, war es um meine Beherrschung auch öffentlich geschehen. Morgens auf dem Weg zur Arbeit, still aus dem Fenster des Busses sehend, liefen mir einfach nur noch Tränen die Wangen herunter. Die letzten Minuten Fußweg waren eine wundervolle Erleichterung, der Wind im Gesicht, der die Tränen trocknete.

An dieser Stelle: Kithkin, Hannah – jeden Tag.

Da hört es nicht auf. Egal, ob ich Unsicherheit bei meinen Azubis spüre, die unterschwellige Abneigung der Bahnmitfahrerin gegenüber, als sich ein sie ungeniert musternder, nach Alkohol und altem Schweiß riechender Geselle neben sie setzt, die kindliche Freude von Anne über die Ergebnisse der Malerarbeiten – die Empathie läuft auf Hochtouren.

Cux01

Ich brauch nur dieses Bild meiner – demnächst Großen – ansehen, und schon geht die wilde Gefühlsmixtour wieder los. Und im nächsten Moment will ich gleich wieder zu Twitter, um der jüngst vom Frollein zur Frau mutierten Heike ein Herz und Kraft für die Schwangerschaft und gegen die Krebserkrankung zu schenken.

Vielleicht hält man über dergleichen ja einfach die Klappe und spielt den Coolen, wenn man „ein richtiger Mann“ sein will. Diese Klischees sind mir nur eben zuwider und – ganz ehrlich – mir ist es egal, ob sich jemand darüber lustig machen will. Das ist, was ich bin, wie ich bin, und was ich fühle.

In dem Sinne: Eine von Herzen Gute Nacht euch.

Autor: steffen

Lebt. Liebt. Streitet.

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