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„Jenseits der Norm? Hier ist Ihre Arschkarte!“

Gestern morgen in der KiTa: Ich schiebe unseren Wagen in den Abstellraum für Kinderwagen. Beide Kinder stehen geduldig vor der Tür und warten darauf, dass wir zusammen rein- und in ihre Gruppenräume gehen. Bis –

„Der kann hier nicht rein, der muss draußen stehen.“

Auf meine Frage, wieso unser Wagen nicht in den Abstellraum für Kinderwagen kann, kommt folgende Antwort:

„Der ist zu groß.“

Wir kommen ja auch mit zwei Kindern im Wagen, versuche ich zu erklären. Nein, das sei ja ein Fahrradanhänger und kein Kinderwagen, das geht nicht.

„Steht doch schon lange an der Tür: keine Fahrräder, nur Kinderwagen.“

Schublade kaputt? Bürokratie weiß Rat!

Unser Verhängnis ist: Wir haben einen so genannten Convertible. Einen Kinderwagen, den man in wenigen Handgriffen zum Fahrradanhänger umbauen kann.

der Platz sparende Corpus Delicti

der Platz sparende Corpus Delicti

Ich komme mir veralbert vor. Ist das irgendwie ein schlechter Scherz? Hab ich grad eine Arschkarte beantragt? Sollen wir etwa mit zwei separaten Kinderwagen kommen, die beide zusammen mehr Platz wegnehmen würden? Sie nehme die Frage mit und kläre das mit der KiTa-Leitung.

Heute morgen, das Telefon klingelt – auf dem Display leuchtet die Nummer der KiTa. Im ersten Moment denke ich an unseren Kleinen, der ja seit letzter Woche von mir eingewöhnt wird. Ist was mit ihm? Die Leiterin ist am Apparat.

„Hallo Herr Pelz, wir haben nochmal darüber gesprochen und unsere Entscheidung steht fest: Ihr Anhänger kann nicht in unserem Abstellraum stehenbleiben.“

Unser Dialog in Stichpunkten:

  • Der Raum sei für „normale“ Kinderwagen und Fahrrad-/Autositze. Unser sei „zu groß“ für den Raum. (Der Raum ist – wie bei solchen Einrichtungen üblich – behindertengerecht breit.)
  • Die anderen würden mit ihren Wagen nicht rein noch raus kommen. (Er stand immer ganz hinten in der Ecke und störte keinen anderen Wagen.)
  • Unser Wagen hätte ja ein Verdeck und könne draußen stehen. („Normale Wagen“ mit Verdeck dann auch? – „Nein, das ist was anderes.“ Im Sommer, wenn unser Wagen ohne Verdeck unterwegs ist? – „Ach, Herr Pelz!“)

Natürlich ist er nicht versichert auf dem Gelände der KiTa, wenn der gern mal heftigere Wind ihn wegtragen mag: Pech.

Meine Abschlussfrage schließlich schießt den Vogel ab: Wenn wir mit zwei Kinderwagen kommen würden, die zusammen mehr Platz wegnehmen, dann wäre das ok?

„Ja.“

Keine weiteren Fragen.

Wehe, du bist anders – Arschkarte!

Merke: Wenn du

  • kein Auto hast (das gibt es?)
  • zwei Kinder im Abstand unter zwei Jahren (wie unvernünftig ist das denn?)
  • mit beiden Elternteilen ganztags arbeitest (Rabeneltern!)
  • und keine Oma* oder Mama*, die nichts weiter zu tun haben, als jeden Tag mehrere Kinderwagen durch die halbe Stadt in eine KiTa zu schieben

dann bist du halt am Arsch.

„Meine Entscheidung steht, Herr Pelz!“

(nicht, dass sich irgendwer je vorher darüber bei uns beschwert, einen Zettel an den Wagen gehängt oder die KiTa-Leitung irgendeine Bemerkung von anderen Eltern weitergetragen hätte)

*in Klischeedenke formuliert, damit es besser in das Weltbild der KiTa passt

Autor: steffen

Lebt. Liebt. Streitet.

118 Kommentare

  1. …und immer entdeckt man alte deutsche Verhaltensmuster called Engstirnigkeit. So schade das eine Kitaleitung, von der ich ausgehe das sie Erzieherin gelernt hat, so ein Thema so lapidar unter den Tisch kehrt. Man merkt das sie nicht nachdenkt über ihr handeln…

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  2. Orrrrr. Gibt’s einen Elternbeirat? Wenn ja, da mal anrufen, dann eine e-mail mit link hierher zum Nachfassen hinterher.

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  3. Da fällt einem ja wirklich nichts mehr zu ein. Himmel, was soll das?! Ich würde das auch nicht auf mir sitzen lassen, wie Hans schon schreibt. Elternbeirat. Meine Güte… schlimm.

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  4. Wie bitte? Zwei einzelne Kinderwagen wären okay, der Fahrradanhänger nicht? Bei uns steht sogar alles voll mit Baboe-Fahrrädern und keiner motzt. Das ist wirklich ein Fall für den Elternbeirat oder für die Leitung der Leitung, falls es da was Übergeordnetes gibt.

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  5. Da geht einem doch der Hut hoch…

    Ich denke, ich würde zum nächsten Elternabend 2-3 Flipcharts mit allen Argumenten beider Seiten beschriften und in einem Vortrag (hier würde ich mir keinesfalls den Mund verbieten lassen) der gesamten Besatzung vorstellen.

    „Notfalls“ auch den Kita-Träger einladen bzw. informieren… Bürgermeister kommt auch oft gut.

    Mannomann!

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    • Ein Schritt nach dem anderen – erst das direkte Gespräch, dann der Elternbeirat, dann die lokale Politik. Und dass der Ort Modellkommune des Bundesfamilienministeriums – ausgerechnet zum Thema „Kommunale Zeitpolitik für Familien“ – ist, bietet auch nochmal ne Chance. 😉

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  6. okay, Du hast natürlich Recht: schön einen Schritt nach dem anderen.

    Aber wenn ich solche Äußerungen von „Fachkräften“ lese, dann verstehe ich spontan die Welt noch weniger…

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...und was meinst du dazu?

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