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Eingewöhnung, die 2te: Freitag

Das Finale der ersten Woche Eingewöhnung soll nicht wieder chaotisch starten: Der Wecker hätte Tote wecken können. Der mich seit fünf Uhr bekrabbelnde kleine Mann dagegen zuckt nicht mal. Auch seine vor sechs im Zimmer erscheinende Schwester (?!) stört kein bisschen. Und wie geht’s dem Sorgenkind?

Dem – also mir – geht’s besser. Kein Stress wegens Verschlaferei, eine weckende Dusche, Zeit zum Vorbereiten des Frühstückstischs. Und weder Wecker noch mein Aufstehen störten den Schlaf des Lütten direkt neben mir.

Routine hilft

Was auch immer das große Kind angetrieben hat: Es sitzt im vollbeleuchteten Spielzimmer und fuddelt vor sich hin. Kurz nach sechs. Das hat sie bisher noch nie gemacht, normal wachte sie in den letzten zwei Jahren nicht vor acht allein auf. Ich hab allerdings eine Vermutung: Da der Morgen die einzige Zeit des Tages ist, zu der sie ihre Nummer Eins – die Mama – sieht, steht sie eben früher auf, um mehr Zeit mit ihr zu haben.

Als ich nach dem Duschen das Frühstück vorbereiten gehe, begleitet sie mich und beginnt auch gleich mit ihrem: augenscheinlich war das übersichtliche Abendbrot des Tages zu wenig. Ich verabschiede mich kurz zum Rasieren zurück ins Bad, der Kaffee läuft.

Zwei Minuten später kommt sie hinterher: Sie will doch zukucken, wie der Bart weggeht. Nur, um dann festzustellen, dass ihr ja kein Bart wächst. Und dann fällt ihr ein, dass Männer und Frauen unterschiedlich sind, steht ja in ihrem Körperbuch. Das klingt dann so:

Äh…ja.

Wir wecken Mama und gehen zurück an den Frühstückstisch. Kurze Zeit später erscheint die zweite Hälfte der Familie gut gelaunt zum Essen. Die Frühkuschelattacke schien auch appetitbedingt, so wie der kleine Mann sein Müsli im Rekordtempo wegatmet. Zeittechnisch passt das gut ins Konzept: Wie auch an den anderen Wochentagen, an denen Mama nach Hamburg zur Arbeit fährt, sind wir zehn vor Acht startklar. Fast wie ein Uhrwerk.

Das kategorische Buch darf auch nicht fehlen. Die heutige Lektüre der Wahl fiel auf eine Eroberung, die er kurz vor dem Gang in den Wagen machte und nicht wieder hergeben wollte: Die gelben Seiten. Und ja, er las es auf dem gesamten Weg. Mit Begeisterung. Seine Schwester schmetterte derweil „Hoch auf dem gählbähn Waahaagähn!“ auf der Hälfe der gesamten Strecke. Was für eine tolle Stimmung für einen einheitstristgrauen Morgen!

In der KiTa angekommen, streben beide zielgerichtet zu den Gruppenräumen. Gut gelaunt, die Große singend, der Bruder gespannt lauschend, das Lied kennt er ja vom Morgenkreis. Beide setzen sich auf die Bank, können das Ausziehen kaum erwarten.

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„Beim ersten Mal tat’s noch weh, beim zweiten Mal nicht mehr so sehr…“

Nachdem die große Schwester in ihrer Hasengruppe verschwunden ist, kennt der kleine Mann seinen Weg. Und mir wird warm ums Herz: Nein, er will nicht zurück zum Wagen, nein, er versucht auch nicht, seiner Schwester wie früher in ihrem Gruppenraum zu folgen: Er düst zu seiner Sonnengruppe. Und versucht wie immer, noch vorm Ausziehen endlich reinzukommen. <3

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Schuhe anziehen, ok. Es muss schnell gehen, er will schließlich rein. Dafür lässt er sogar die Gelben Seiten endlich fallen.

Im Gruppenraum angekommen, bin ich gleich wieder abgemeldet. Heute piekst es auch nicht mehr so sehr. Ich versuch mich darauf zu freuen, dass ich ihn nachher wieder abholen kann.

Weil heute Fasching ist, ist drinnen mächtig was los: Die Betreuerinnen backen frische Waffeln, basteln Kronen mit den Kids und alle Tische sind zu einem Großen zusammengestellt.

Nach der Aufräumzeit ist schließlich Wickel- und Topfzeit. Monsieur begibt sich widerwillig, das Spielzeug nicht hergebend, in den Raum. Nur um schließlich zielstrebig auf die Töpfe zuzustreben.

„Willst du auf den Topf?“, fragt ihn die Betreuerin. „Ja!“ – „Dann zieh ich dir jetzt die Hose runter und mach die Windel ab.“ – „Ja!“

Gesagt, getan, gesetzt. Ich verlasse den Raum: kein Protest. Das Anlegen einer neuen Windel von der Betreuerin (nicht die gleiche wie gestern): kein Protest. Danach kommt er flugs zu mir gelaufen, einmal auf den Arm, und sofort wieder los. Die frischen Waffeln riechen so gut.

Für mich ist es Zeit, Abschied zu nehmen. Kein Vergleich zum ersten Mal, und auch nicht mehr so schlimm wie tags zuvor. Und der kleine Mann? Ein startender Protestschrei mit Salzwasserbeilage will sich Bahn brechen – und wird jäh abgewürgt: Durch ein Stück Waffel, wie ich durch die Lücken des Gruppenraumfensters erspähen kann. So schlimm ist mein Abgang also nicht.

Es wird. Der Bauplan für das Familienbett steht, das Wochenende zusammen mit Mama wird einiges kompensieren. Und ab Montag probieren wir es mit dem Mittagsschlaf in der KiTa.

Ich bin zuversichtlich.

 

Autor: steffen

Lebt. Liebt. Streitet.

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