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Leitwölfe sein – Jesper Juul. Eine Rezension.

Der Junior ist ebenfalls begeistert

Ich bin kein Fan von Machtausübung. Meiner Überzeugung, meinen bisherigen Erfahrungen nach und vor allem auch nach dem, was man aus Politik und Wirtschaft lernen kann, korrumpiert Macht und führt dazu, dass Menschen leiden. Aber kann auch Erziehung ohne Ausübung von Macht funktionieren?

Dementsprechend gespannt war ich auf das neue Buch von Jesper Juul: „Leitwölfe sein – liebevolle Führung in der Familie“. Schon vor ein paar Tagen erschien eine erste Rezension bei Spiegel Online, in den nächsten Tagen werden vermutlich weitere folgen, da das Buch ab heute im Handel erhältlich ist. Auch mir hat der Beltz-Verlag freundlicherweise ein Rezensionsexemplar auf Anfrage vorab zur Verfügung gestellt.

Leitwölfe sein

Der Junior ist ebenfalls begeistert

Politisch

Schon in der Einleitung wird klar: Hier geht es nicht um Rezepte oder eine Pauschalberatung. Es geht darum, dass die Zu- und Umstände des gesellschaftlichen Miteinander nicht passen: Das politische Dogma ist wider die Gesundheit von Erwachsenen wie Kindern gleichermaßen. Das trifft sich mit meinen Überzeugungen:

Zwar bekennt Juul, dass die Entwicklung, die das familiäre Miteinander ebenso wie die nach wie vor andauernde Emanzipation der Frauen genommen haben und nehmen, in der Demokratie am besten aufgehoben sei. Aber weder die Politik noch die Wirtschaft kommen gut weg. Oder um deutlicher zu werden: Sie scheitern dabei, den Bürfnissen der Menschen Rechnung zu tragen.

Inkompatibles Gesellschaftssystem

Die Objektivierung – Schubladendenken eben – spielt dabei eine wesentliche Rolle. Eine nach Juul gleichwürdige Beziehung zwischen Menschen gleich welchen Alters funktioniert nur vernünftig, wenn zwei Subjekte einander begegnen. Einen Menschen als Schüler*in oder Mitarbeiter*in anzusprechen und dabei selbst in der Rolle als Führungskraft oder Pädagog*in aufzutreten ist bestenfalls Theater, menschlich bringt es keinen von beiden weiter. Die von Juul geforderte persönliche Autorität ist individuell; sie lässt sich nicht qua Rollendefinition auf beliebige Personen stülpen.

Ähnlich sieht es mit der persönlichen Verantwortung aus: Sie widerspricht dem Grundsatz der Wirtschaft, die mit Haftungsbeschränkungen und juristischen Persönlichkeiten arbeitet. Damit lassen sich Risiken auf die Allgemeinheit auslagern, während die Erfolge wenigen zugutekommen.

Elterliche Leitwölfe

Klar ist: Um die Entfaltung von Kindern zu ermöglichen, braucht es Führung. Nur: Führung ist eben nicht Erziehung. Führung ist Empathie und Zuhören, ohne sich selbst dabei zu vergessen: das ist alles, was es braucht, um ein passables Elternteil abzugeben.

Wie alt man ist, ist da eher egal. Wichtig ist eher, dass die Bereitschaft da ist, sich auf die anstehenden Veränderungen einlassen zu können – für sich selbst, die Beziehung zur Partner*in, das familiäre Umfeld.

Leitwölfin?

Deutlich wird Juul, als er auf die Spezifika eingeht, die für die beiden klassischen Rollen Mutter und Vater erforderlich sind. Die über lange Jahrhunderte gelebte und festgeschriebene Selbstaufopferung von Frauen kritisiert er deutlich:

Die Angst vor „Egozentrik bei Frauen“ (sie sollen gefälligst selbstaufopfernd für den Nachwuchs leben und ansonsten konform den Erwartungen des Partners sein) ist Männer-, Politik- und Religionskacke.

Kinder brauchen Vorbilder, von denen sie lernen können, nicht selbstzerstörerisch zu lieben.

Und er geht weiter und fordert: Die ‚größten Querulantinnen‘ müssten die meisten Kinder bekommen bzw. sie pädagogisch substanziell begleiten, um zwei Dinge zu vermitteln: Respekt vor einem Nein von Mädchen/Frauen (Nein heißt Nein! lässt grüßen) und eine gesunde weibliche Haltung zu Selbstvertrauen, die nicht auf gesellschaftlich oktruierter weiblicher Devotheit basiert.

Und so schreibt Juul der ‚generischen Frau‘: Dir selbst zu gefallen ist schwerer, als anderen zu gefallen. Wenden sich Menschen ab, so es deren Verlust. Sie sind nicht an dir interessiert, sondern daran, dass du eine Rolle wahrnimmst, die sie von dir erwarten.

Und der moderne Leitwolf?

Die Befreiung der Frau funktioniere effektiver, weil ein subjektisches Feindbild existiert: der Mann und seine patriachalische Unterdrückung. Bei Männern wird es seiner Auffassung nach langwieriger, weil das Feindbild abstrakt ist: Das eigene, machterhaltende Konstrukt des Patriarchismus.

Und er kommt zu dem Schluss:

Der Kapitalismus ist ein nicht funktionierendes System. Er zerstört systematisch Menschen. Wir brauchen ein neues Paradigma.

Es braucht ein neues Verständnis von Macht

Macht haben heißt weder, immer gewinnen müssen noch zum eigenen Vorteil manipulieren – sondern: verantwortungsbewusst und reflektiert. Verletzlichkeit bewahren und zulassen, nicht den eigenen Willen mittels Macht blind durchtragen.

Dabei ist es zwar gut und richtig, die eigenen Werte dem Nachwuchs authentisch zu vermitteln. Nur: wenn Werte wichtiger werden als Menschen, die man liebt, dann artet es leicht in Ideologie/Fundamentalismus aus.

Dabei die Integrität von Kindern zu akzeptieren sei vielen Eltern relativ neu, so Juul. Frauen hätten dabei bereits eigene Erfahrungen durch die feministische Bewegung sammeln können, um ihre eigene Integrität zu verteidigen. Für Männer sei das Prinzip aber nahezu unbekannt. Umso wichtiger, dass sie lernen, die Integrität anderer Personen zu respektieren.

Mein Fazit

Einiges aus dem Buch mag der ein oder anderen Leserin vielleicht vertraut vorkommen – und das ist auch nicht weiter verwunderlich. Schließlich ist es bereits das 25.ste Buch von Juul. Fast die Hälfte der Literaturreferenzen zeigt auf frühere Werke von ihm.

Für mein Empfinden sind die Betrachtungen sehr heteronormativ geraten – zwar werden alternative Familienmodelle kurz erwähnt, die Implikationen aber nicht diskutiert. Vor dem Hintergrund des Ausmaßes der Aufgabe, vor denen Eltern stehen, ist das aber verschmerzbar. Ebenso wie das für meinen Lesefluss gewöhnungsbedürftige Siezen.

Die stille Revolution der Eltern wird kritische, authentische und selbstbewusste Generationen hervorbringen. Das wird dauern, wahrscheinlich bedarf es sogar mehrerer Generationen. Aber ich teile die Auffassung Juuls: Es ist höchste Zeit für einen Paradigmenwechsel – hin zu mehr Menschlichkeit in der Gesellschaft.

Anmerkung zur Transparenz: Das Rezensionsexemplar ist mir vom Beltz-Verlag unentgeltlich auf meine Anfrage hin zur Verfügung gestellt worden. Da die Rezension nicht im Rahmen einer Kooperation entstanden ist, möchte ich gern die Gelegenheit nutzen, eine*r von euch ebenfalls das Buch zu lesen. Schreibt mir eure Beweggründe, warum ihr das Buch gern lesen würdet, als Kommentar. Unter allen Kommentaren mit Begründungen verlose ich am 14. Feburar um 20 Uhr dann das Buch und schick es auf die Reise.

Autor: steffen

Lebt. Liebt. Streitet.

62 Kommentare

  1. Hallo Steffen,
    vielen Dank, dass Du Deinen Beitrag bei uns noch verlinkt hast. So ist noch eine weitere Perspektive dazu gekommen. Die Forderung nach „mehr Menschlichkeit in der Gesellschaft“ teilen wir mit Dir natürlich vollkommen.

    Liebe Grüße
    Anja vom myToys-Blog

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  2. Die Verlosung ist gelaufen! Als Modus habe ich beschlossen, eine Reihenfolge zu ziehen: Jede/r in der Reihenfolge kann das Buch an den nachfolgenden Platz weitergeben. Oder behalten. Beides ist fein! Auf jeden Fall hat so jede/r eine Chance darauf, das Buch zu lesen.

    Und nun zum spannenden Teil – die Reihenfolge:

    1. Kathrin Comes Langen (Glückwunsch! 🙂 )
    2. Sandra Ross
    3. Die Sturmfrau
    4. Thea
    5. Johanna Schiek
    6. Binecz Stock
    7. Anja

    Viel Spaß beim Lesen!

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  3. Ich habe schon 3 Bücher gelesen und merke, dass ich mich dadurch mehr und mehr mit meinem Verhalten und meiner Haltung auseinandersetze. Und damit will ich weitermachen 😉 Deswegen darf sich manches gern wiederholen, aber auch neue Gedanken oder Blickwinkel sind dafür hilfreich.

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  4. Ich würde das Buch gerne lesen weil mein Kind in einem Alter ist in dem es sich gerade weiter entwickelt und ich wieder einen Stups in Richtung ’natürliche Autorität‘ gebrauchen könnte. Weil ich auf keinen Fall Macht und Gewalt anwenden will. Und weil ich es im Anschluss auf jeden Fall weiter schicken würde!

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  5. Liebe Kathrin, jede/r mit Interesse kann das Buch haben. Deswegen schrieb ich auch am Ende der Rezension, dass jedwede Bekundung zählt – am Sonntag lose ich dann aus (mal kucken, vielleicht per Periscope? :)).
    Und als Info: Da dein Kommentar hier automatisch unter den Blogpost gewandert ist, bist auch du mit dabei. Ich drück dir und der erwachten Leselust deines Mannes die Daumen! 😉

    — via facebook.com

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  6. Das wäre ja klasse.
    Mein Mann hat die Spiegel Rezession gelesen und möchte nun auch das Buch lesen.
    Ihre Rezession habe ich ihm auch gerade weiter geleitet.
    Da er sonst nie liest und sich bisher nicht viel mit AP beschäftigt hat freut es mich umso mehr dass er nun damit beginnen möchte.
    Geben Sie das Buch nur an Feunde weiter? Ansonsten würden wir uns riesig freuen!

    — via facebook.com

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  7. Kann leider den gestrigen Kommentar nicht bei dir speichern. Hüpfe aber gerne in den Lostopf. Hier noch mal der Text über Twitter PN. Danke. Lg

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  8. Danke für diese schöne Rezension. Ich mag Deinen unprätentiösen, klaren Sprachstil sehr.

    Ich würde mich über Dein Rezensionsexemplar sehr freuen, weil Dein Text mir Lust gemacht hat, mir eine eigene Meinung zu bilden und weil ich endlich mal ein Buch von Juhl lesen muss. Fühle mich schon ganz schlecht, weil ich noch keines habe… Und das Thema, wie leite ich, ohne zu dominieren, interessiert mich ohnehin.

    Liebste Grüße
    Thea

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  9. Johanna Schiek

    08/02/2016 @ 22:13

    Mich würde das Buch sehr interessieren, da ich so gut es mir gelingt, bedürfnisorientiert erziehe. Aber mir fehlen gerade diese Führungsqualitäten, befürchte ich. Ich zweifle zu oft, weshalb ich der Fels in der Brandung nicht sein kann. Zumindest fühlt es sich so an. Vielleicht kann dieses Buch mir die Sicherheit vermitteln, die mir so oft noch fehlt…
    Danke für die Rezension!
    Gruß, Johanna

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  10. Lieber Steffen,

    danke für Deinen Kommentar, der mich zu Deiner Rezension geführt hat, die ich sehr intressiert gelesen habe. Du hast das wirklich sehr sehr treffend (und deutlich prägnanter 😉 zusammengefasst.

    Ich fürchte in Bezug auf das Buch leider Ähnliches, wie theskippy – der Juul-Freund an sich (wovon es durchaus viele gibt), liest das Buch, nickt und sagt: „So ist es“. Die Mutter jedoch, deren schwach ausgeprägtes Selbstwertgefühl dazu führt, dass sie sich „führungslos“ und unemanzipiert durch eine Erziehung lavieren, wird das Buch nicht in die Hand nehmen…

    Ganz herzliche Grüße und danke für die überaus erfrischende Rezension!
    Danielle

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  11. Danke für die Rezension. Obwohl ohne eigene Kinder, habe ich mir das eine oder andere Buch von Juul aus Neugier zu Gemüte geführt und finde, er sticht insbesondere in Sachen Respekt für das Kind aus der üblichen Ratgeberliteratur hervor. Wenn das jetzt auch noch eine kapitalismuskritische Komponente bekommt und traditionelle Geschlechterrollen hinterfragt, umso besser.

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  12. vor allem den letzten absatz kann ich so voll mitunterschreiben. die (arbeits)welt könnte eine ganz andere sein…
    (zum thema „eltern“ kann ich nicht mitreden. ich weiß nur, was ich anders machen würde, wäre ich ein „elter“. das aber ist weder situation noch option. davon abgesehen wünsche ich sowohl dir als auch juul zahlreiche leser, mitmacher, nachdenker.)

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  13. hey steffen, die adressaten sind schon klar und ich halte den teil der gesellschaft, die eltern sind / werden wollen, auch für nicht gerade klein. dennoch: lesen genau die denn auch alle juul’s buch? die erreichten, leseneugierigen und adaptionsbereiten sind doch nur ein bruchteil der adressierten – und m.e. auch genau der bruchteil, der sich ohnehin (wie du und anne) bereits mit der thematik intensiv auseinandersetzen. interessant wäre doch, wie eine möglichst großer anteil der adressierten erreicht wird. (hat was von postwurfsendung: wird an alle haushalte verteilt, erreicht aber nur einen vernachlässigbaren teil. der rest wirft die info unbesehen weg.)

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    • Vielleicht leistet ja meine Rezension einen winzigen Anreiz dazu, mal ein Buch von Juul zu lesen. 😉
      Bis vor einem Jahr kannte ich ihn noch nicht, kannte ich mich selbst noch nicht ansatzweise in dem Maße wie heute. Das ist zu einem guten Teil Juuls ‚kompetentem Kind‘ zu verdanken und auch der Grund, warum ich jetzt explizit zum Buch griff – und ihm Aufmerksamkeit verschaffe. Ich kann nur hoffen, dass es weiteren geht wie mir. Dass sie erkennen, wie viel ausgewogener, authentischer und entspannter Umgang mit anderen Menschen werden kann.
      Übrigens: Die ganzen Referenzen zum Umgang mit Kindern mal weggelassen, ist Juul genauso gut im Arbeitsumfeld nutzbar. Führung, Macht, Verantwortung und Vertrauen brauchen meiner Meinung nach auch – und gerade – dort ebenfalls einen Paradigmenwechsel.

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  14. ich befürchte, dass dieses buch, so gut es auch sein mag (ohne es gelesen zu haben, kann und will ich mir kein urteil bilden – jedoch: nein, dies ist keine bewerbung darum. ich bin kein elter und werde auch keins.), die „falschen“ erreicht. sprich: die, die ohnehin schon über diese themenwelt nachdenken. ein zu kleiner teil der gesellschaft, wenn du mich fragst.

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    • Hey Skippy, ich finde deine geäußerte Befürchtung spannend: Wie „klein“ ist der Teil der Gesellschaft, die Eltern sind oder werden wollen? Denn die sind meinem Verständnis nach die Adressierten.

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...und was meinst du dazu?

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