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Eingewöhnung, die 2te: Dienstag

Es ist kurz nach sechs morgens. Ich weiß gar nicht, ob Anne den Wecker gehört hat – der kleine Mann jedenfalls ist grad am Erwachen und fordert vehement ein, jemand möge sich ihm und seinen Wünschen widmen. Der zweite Tag der Eingewöhnung steht an. „Magst du heute wieder in den Kindergarten?“, frage ich.

„Jaa!“ ertönt die Antwort prompt.

OK, er hat es nicht vergessen, was gestern war… Kaum in Schale geworfen, wartet er ungeduldig darauf, dass Papa sich auch bald präsentierfähig gestaltet hat.

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Oma und Opa sind bereits kurz nach sieben vor Ort, während die ersten Löffel Müsli ins Kind finden. Oben schält sich bereits die große Schwester aus dem Bett, heute sind alle irgendwie früh dran.

Nagelprobe

Der zweite Tag, nun hat er eine Ahnung, was auf ihn zukommt. Denke ich, bevor wir in den Gruppenraum der Sonnenkinder kommen. Da wartet schon…ein neues Gesicht im Betreuenden-Kreis: Die Praktikantin.

Egal! Es zieht ihn schnurstracks in die Spielküche, ich bin abgemeldet. Doch nicht nur für ihn – eins der Kinder war gestern nicht da und beäugt mich ausgiebig, der Rest nimmt mich mehr oder wenig zur Kenntnis. Plötzlich muss ich schlucken, während sich der Nachwuchs bereits im Kampf um die Hoheit über zwei Töpfe und die passende Kelle dazu bewährt.

Dem Kind geht’s prima. Aber der Papa schwächelt. Ich wundere mich selbst ein wenig über mich, geh in mich und frag mich, warum ich gestern nicht so diese Loslassprobleme hatte. Und mir wird klar: Die Aufmerksamkeit der anderen Kinder für mich war mein Seelenbalsam, allen voran der mich beherzt als Kletterburg nutzende Kleinste der Truppe. Das fehlt heute, und es piekst leise, aber beständig im Herzen.

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Die Kids bespielen mit Begeisterung die „Höhle“, die am Morgen spontan entstand. Anschließend gibt’s Frühstück, frisch selbst gebackene Brötchen, ein Renner bei fast allen Kindern. Während die anderen Kids mehr oder weniger grazil die Mahlzeit vertilgen, erkundigt mein Ableger neugierig und ausgiebig die Konsistenz des Schmierkäses. Und lässt alles im Radius eines halben Meters daran teilhaben.

Es folgt die Wiederholung des Vortags, als er sich schließlich der Tasse widmet: Beherzter Schwung, Beinahe-Selbst-Ersäufnis, Patschen im Tee-See auf dem Tisch und ein Bauer, dem kein „chen“ mehr angehängt werden darf.

Saaltag

Jedem Kind ist der Saal spätestens nach dem ersten Besuch ein Begriff: Dort kann nach Herzenslust getobt und geturnt werden – und da geht’s heute für die Sonnenkinder hin. Gespannt und die anderen Kids voller Vorfreude sitzen die Knirpse aufgeregt hibbelig auf der Bank, während die Betreuerinnen die Turnlandschaft aufbauen. Dann geht’s auf Kommando los: Eine kreischende Horde ergießt sich über Matten, Kreisel zum Drinsitzen, Bälle und die Sprossenwand.

Und der Junior?

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Genau.

Kurz drauf findet er die nicht funktionierende Stehlampe, anschließend Kerzen und andere Utensilien vom noch nicht ganz verräumten Krippenspiel…. und zieht damit so viel Aufmerksamkeit und Interventionserfordernis auf sich wie kaum ein anderes Kind der Gruppe.

Ansonsten tobt er ausgelassen, erobert sich Spielgeräte und interagiert mit den anderen Kindern, als ob er nie etwas anderes getan hätte.

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Erst als die Müdigkeit einsetzt, sucht er nach mir, um sich kurz auf meinem Arm auszuruhen. Danach bin ich schon wieder einer von vielen.

Sonnige Prognose

Auf dem Weg zurück in den Gruppenraum reiht sich der kleine Mann wie ein Routinier ein, auch wenn er die Ordnungsregel „Sitzreihenfolge auf der Bank = Laufreihenfolge“ nicht checkt. Aber da ist er nicht der einzige.

Die anderen Kinder bereiten sih auf das Mittagessen vor, wir sagen an der Stelle ‚Tschüß!‘ und er winkt den Betreuerinnen wie ein Profi sich verabschiedend zu, wir kaufen kurz noch ein wenig in der Drogerie auf dem Rückweg nach Hause ein, und schon fast im Traumreich angekommen vernichtet er mal eben noch fast ein halbes Kilo Kartoffelbrei und Spinat, danach geht das Licht aus.

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Mir bleibt nicht viel zu tun, außer mich für ihn zu freuen und mich darauf vorzubereiten, dass die vielen gemeinsamen Momente der Vergangenheit angehören. Ich muss lernen zu teilen: Ihn, seine Aufmerksamkeit, sein Lachen, seine Vertrautheit im Umgang. Schweren Herzens seufze ich und widme mich dem zweiten Teil unserer Lebensänderung:

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Lunchpaket für Mamas nächsten Arbeitstag konfektionieren. Und als Resümee bleibt:

Autor: steffen

Lebt. Liebt. Streitet.

20 Kommentare

  1. Aus dem Kapitel: Wenn Kinder schneller selbständig werden als man selbst ;-)…
    Es freut mich, dass der Kleine sich gleich so wohl dort fühlt. Das macht das Loslassen doch irgendwie einfacher, oder?

    Liebe Grüße
    Mother Birth

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      • oder 3,4,5 … den Absprung zu finden ist immer schwierig. Mir wurde das sehr erleichtert durch die Geburt von BusyBee kurz zuvor. Aber wenn ich an die anstehende EINSCHULUNG!!!! im nächsten Jahr denke, wird mir schon sehr mulmig im Magen… Nächste Hürde der elterlichen „Loslasse-Übung“.

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        • Wah, da will ich noch gar nicht dran denken! So langsam lerne ich das Leben zu schätzen, besonders, dass es im Regelfall zwar gern Scheiße mal am Stück häuft, sonst aber eben solche Schritte schick nacheinander passieren… und letztlich ist die einzig große Herausforderung doch nur, Veränderungen gegenüber offen bleiben zu können und die Chancen darin zu sehen.

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  2. Es ist so toll für mich, deinen Eingewöhnungsbericht zu lesen, denn es zeigt mir eine bisher nie beachtete Perspektive, nämlich die, der Gefühlswelt der Eltern, wenn das Kind sich von Anfang an so gut löst. Die Stiche im Herz, die man als Elternteil dabei spürt, waren mir bisher nicht bewusst. Aber sie sind nachvollziehbar. Als kleines Trostpflaster kann ich dir sagen, dass wir deinen Kleinen als „sicher gebunden“ bezeichnen würden: Eure Beziehung und Bindung ist so stabil und hochwertig, dass der Kleine in der Lage ist, sich frei auf ungewohntem Terrain zu bewegen. So nach dem Motto: „Papa sagt mir, hier ist ein sicherer Ort für mich. Na, dann schau ich mal, was es hier zu entdecken gibt.“ Er kann frei explorieren und sich alles ansehen, aber wenn dann die Müdigkeit groß wird, weiß er, dass er bei Papa immer einen sicherer Hafen hat. Deshalb ist es so wichtig, dass du trotzdem in den nächsten Tagen noch da bist. Als Anlaufpunkt, als Sicherheit.

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    • Danke, danke, danke für diese Metaebenenbetrachtung, aber auch den Trost, den deine Worte schenken. Ich hab tatsächlich das Gefühl, dass wir viel bei ihm ‚richtig machen‘ konnten, was bei seiner Schwester unsererseits noch Spannungen und Unsicherheit in uns auslöste. Und das spüre ich bis heute, wenn Tochterherz und ich miteinander umgehen. Dieses Urvertrauen ist bei ihr viel unausgeprägter, weil wir seinerzeit viel auf Ratschläge anderer statt auf sie hörten.
      Ich werd das schon schaffen, genau wie er. Und dass trotz aller Mustergültigkeit diese Gefühle da sind: genau dafür ist das taggenaue Dokumentieren da.

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...und was meinst du dazu?

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